Vibe Coding: Warum KI-Code zum Sicherheitsrisiko wird

Oktober 2026

Autor: Rechtsanwalt Dr. Marc Maisch / Headerbild: KI-generiert

Vibe Coding lässt Laien in Minuten fertige Software bauen, produziert dabei aber überdurchschnittlich häufig Sicherheitslücken und macht Unternehmen so zum leichten Ziel für Hackerangriffe. Rechtsanwalt Dr. Marc Maisch, Fachanwalt für IT-Recht und Datenschutzbeauftragter bei Maisch.law Rechtsanwälte, berät Unternehmen zu Cybercrime, IT-Sicherheit und KI-Recht. Er ordnet ein, welche Angriffsflächen Vibe Coding öffnet und wer haftet, wenn ein KI-generiertes Programm gehackt wird.

Was ist Vibe Coding?

Vibe Coding bezeichnet die Softwareentwicklung mit KI-Agenten. Ein Nutzer beschreibt in normaler Sprache, was die Anwendung können soll. Die KI schreibt daraus den Code. Werkzeuge wie GitHub Copilot, Cursor, Lovable oder Bolt.new übernehmen dabei auch Datenbank, Login und Zahlungsfunktion.

Das Handelsblatt hat mit Entwicklern gesprochen, die diese Werkzeuge täglich nutzen. Carsten Kisslat, seit 30 Jahren in der Videospielentwicklung tätig, beschreibt seinen ersten Eindruck von KI-gestützter Programmierung mit GitHub Copilot so: Es habe sich angefühlt wie eine Gehirnerweiterung. Genau dieses Gefühl der Beschleunigung macht Vibe Coding so attraktiv, für erfahrene Entwickler ebenso wie für Laien ohne Programmierkenntnisse.

Praxisbeispiel: Ein Start-up-Gründer beschreibt der KI ein Kundenportal mit Login und Zahlungsabwicklung. Innerhalb einer Stunde steht die Anwendung online. Ob sie auch sicher ist, prüft in diesem Moment niemand.

Warum enthält KI-generierter Code so viele Sicherheitslücken?

Mehrere unabhängige Untersuchungen aus dem Jahr 2026 zeigen ein klares Muster. KI-Modelle optimieren auf Funktionalität, nicht auf Sicherheit. Ein Programm, das läuft, gilt als Erfolg, auch wenn es offene Türen für Angreifer enthält.

Der Sicherheitsforscher Jonathan Demir, Gründer von Vouch-Secure, hat im April 2026 fünfzig reale GitHub-Projekte untersucht, die nachweislich mit KI-Tools entstanden sind. Das Ergebnis fällt deutlich aus. 88 Prozent der Projekte enthielten kritische Sicherheitslücken. Der durchschnittliche Sicherheits-Score lag bei nur 34 von 100 Punkten. Bei 52 Prozent der Projekte ließen sich die Lücken direkt und ohne größeren Aufwand ausnutzen. 36 Prozent speicherten Zugangsdaten offen im Quellcode. Am häufigsten fanden sich Injection-Schwachstellen, gefolgt von Path-Traversal-Lücken, fehlerhafter Authentifizierung und hartcodierten Secrets.

Eine Studie des Sicherheitsunternehmens Tenzai von Dezember 2025 kommt zu einem ähnlich klaren Bild. Die Forscher testeten fünfzehn mit unterschiedlichen Vibe-Coding-Werkzeugen gebaute Anwendungen und fanden 69 Schwachstellen. Keine einzige Anwendung setzte Security Headers ein. Keine einzige implementierte einen Schutz gegen Cross-Site-Request-Forgery. Jedes der fünf getesteten Tools erzeugte zudem Server-Side-Request-Forgery-Lücken, weil der KI der Kontext fehlt, um legitime von bösartigen Zielen einer Anfrage zu unterscheiden.

Das Sicherheitsunternehmen Escape.tech analysierte 5.600 öffentlich erreichbare, mit KI gebaute Anwendungen und fand mehr als 2.000 Schwachstellen, darunter 400 offen zugängliche Secrets und 175 Fälle personenbezogener Daten im Klartext. Eine Studie der Carnegie Mellon University kommt zu einem vergleichbaren Verhältnis: 61 Prozent des generierten Codes funktionierte fehlerfrei, aber nur 10,5 Prozent erfüllte grundlegende Sicherheitsanforderungen.

Ein weiteres, spezifisch für Vibe Coding typisches Risiko heißt Slopsquatting. KI-Modelle erfinden gelegentlich Namen von Softwarepaketen, die es gar nicht gibt. Angreifer registrieren genau diese erfundenen Paketnamen und hinterlegen dort Schadcode. Installiert die KI beim nächsten Projekt dasselbe Paket, schleust sie unbemerkt Schadsoftware in die Anwendung ein.

Praxisbeispiel: Der Moltbook-Vorfall

Wie schnell aus einer Sicherheitslücke ein echter Vorfall wird, zeigt der Fall Moltbook. Die Plattform positioniert sich als soziales Netzwerk für KI-Agenten, auf dem diese Beiträge posten und kommentieren. Der Gründer hatte die Anwendung per Vibe Coding gebaut und dabei auf die Backend-Plattform Supabase gesetzt.

Ende Januar 2026 fiel Sicherheitsforschern ein gravierender Fehler auf. Ein öffentlicher API-Schlüssel war fest im clientseitigen JavaScript-Code hinterlegt. Gleichzeitig fehlten Row-Level-Security-Richtlinien, die den Zugriff auf einzelne Datensätze eigentlich hätten einschränken müssen. Die Folge: 1,5 Millionen API-Authentifizierungstoken, 35.000 E-Mail-Adressen und mehr als 4.000 private Nachrichten zwischen Nutzern standen offen im Netz. Innerhalb weniger Stunden nach der Meldung behob das Team die Lücke, der Schaden war zu diesem Zeitpunkt bereits entstanden.

Der Fall zeigt exemplarisch, was die Studien belegen. Eine einzige vergessene Konfiguration reicht aus, damit aus einer schnell gebauten Anwendung ein Datenleck mit sechsstelliger Betroffenenzahl wird.

Wer haftet, wenn eine Vibe-Coding-Anwendung gehackt wird?

Für die rechtliche Bewertung gilt ein einfacher Grundsatz. Verantwortlich ist, wer die Anwendung betreibt oder in Verkehr bringt, nicht der Anbieter des KI-Modells. Die Nutzungsbedingungen von OpenAI, Anthropic und vergleichbaren Anbietern verlagern die Verantwortung für den erzeugten Code ausdrücklich auf den Nutzer. Der Umstand, dass eine KI den Code geschrieben hat, entlastet also niemanden.

Mehrere aktuelle EU-Regelungen verschärfen diese Verantwortung zusätzlich. Die überarbeitete Produkthaftungsrichtlinie, Richtlinie (EU) 2024/2853, stuft Software und KI-Systeme ab Dezember 2026 ausdrücklich als Produkte ein. Geschädigte profitieren dann von Beweiserleichterungen und Offenlegungspflichten, die eine Klage gegen den Hersteller einer unsicheren Anwendung erheblich erleichtern.

Der Cyber Resilience Act, Verordnung (EU) 2024/2847, verpflichtet Hersteller vernetzter Produkte mit digitalen Elementen seit September 2026 zur Meldung aktiv ausgenutzter Schwachstellen und schwerwiegender Sicherheitsvorfälle innerhalb von 24 Stunden an die zuständige Behörde. Wer eine Vibe-Coding-Anwendung kommerziell anbietet, fällt regelmäßig in den Anwendungsbereich dieser Meldepflicht. Der EU AI Act, Verordnung (EU) 2024/1689, ergänzt Transparenzpflichten für bestimmte KI-Systeme.

Für Unternehmen mit eigener IT-Infrastruktur kommt eine weitere Ebene hinzu. Wer als besonders wichtige oder wichtige Einrichtung unter das NIS2-Umsetzungsgesetz fällt, muss Risikomanagementmaßnahmen nach dem Stand der Technik umsetzen. Eine ungeprüft übernommene KI-Standardkonfiguration erfüllt diese Anforderung in aller Regel nicht. Die Geschäftsleitung haftet hierfür persönlich, wenn sie IT-Sicherheit als Organisationspflicht vernachlässigt.

Beauftragt ein Unternehmen einen externen Dienstleister mit der Entwicklung, kommt es entscheidend auf den Vertrag an. Ein Werkvertrag verpflichtet den Dienstleister zu einem mangelfreien Werk. Eine mit offenen Sicherheitslücken ausgelieferte Anwendung ist ein Sachmangel. Verträge sollten deshalb ausdrücklich regeln, ob KI-Werkzeuge zum Einsatz kommen dürfen und welche Sicherheitsprüfungen der Dienstleister vor der Übergabe zusichert.

Checkliste: So sichern Unternehmen Vibe-Coding-Projekte ab

Acht Maßnahmen senken das Risiko deutlich, bevor eine Anwendung live geht.

Erstens: Jede Codezeile so prüfen, wie ein erfahrener Entwickler den Code eines Berufseinsteigers prüfen würde.

Zweitens: Security-fokussierte System-Prompts einsetzen, die der KI feste Sicherheitsregeln vorgeben.

Drittens: Automatisierte Sicherheitstests wie SAST und DAST fest in die Entwicklungs-Pipeline einbauen.

Viertens: Zugangsdaten ausschließlich in Umgebungsvariablen speichern und mit Pre-Commit-Hooks wie gitleaks vor versehentlichen Uploads schützen.

Fünftens: Jedes von der KI vorgeschlagene Softwarepaket gegen die offizielle Registry prüfen, um Slopsquatting auszuschließen.

Sechstens: In kleinen, überschaubaren Schritten statt in einem einzigen großen Prompt entwickeln, damit Reviews überhaupt möglich bleiben.

Siebtens: Vor dem Livegang einen Penetrationstest durchführen, der auch Geschäftslogikfehler aufdeckt.

Achtens: Einen Meldeprozess für Sicherheitsvorfälle vorbereiten, der die 72-Stunden-Frist der DSGVO und die 24-Stunden-Frist des Cyber Resilience Act einhalten kann.

Fazit

Vibe Coding beschleunigt die Softwareentwicklung enorm. Es ersetzt aber keine Sicherheitsprüfung. Mehrere unabhängige Studien zeigen übereinstimmend, dass ein Großteil des KI-generierten Codes gravierende Lücken enthält, von hartcodierten Passwörtern bis zu fehlender Zugriffskontrolle. Wer eine solche Anwendung betreibt, haftet dafür persönlich, unabhängig davon, wer den Code geschrieben hat. Eine Prüfung vor dem Livegang kostet deutlich weniger als ein Hackerangriff und die daraus folgenden Meldepflichten.

FAQ

Was ist Vibe Coding?

Vibe Coding ist Softwareentwicklung, bei der eine KI aus einer Beschreibung in normaler Sprache lauffähigen Code erzeugt. Werkzeuge wie GitHub Copilot, Cursor, Lovable oder Bolt.new übernehmen dabei auch Datenbank, Login und Zahlungsfunktion. Nutzer benötigen keine eigenen Programmierkenntnisse. Der Ansatz eignet sich für schnelle Prototypen, ersetzt aber vor dem produktiven Einsatz keine fachliche Sicherheitsprüfung.

Ist KI-generierter Code sicher?

Nein, denn ein KI-generierter Code ist überdurchschnittlich oft unsicher. Studien aus dem Jahr 2026 zeigen, dass bis zu 88 Prozent der untersuchten Vibe-Coding-Projekte kritische Sicherheitslücken enthalten. Häufig fehlen Zugriffskontrollen, Security Headers oder ein Schutz gegen gängige Angriffe wie Injection. KI-Modelle optimieren auf Funktionalität, nicht auf Sicherheit, weshalb eine manuelle Prüfung vor dem Livegang notwendig bleibt.

Wer haftet für Sicherheitslücken in einer mit KI programmierten Anwendung?

Haftbar ist der Betreiber oder Hersteller der Anwendung, nicht der Anbieter des KI-Modells. Die Nutzungsbedingungen der KI-Anbieter verlagern die Verantwortung für den erzeugten Code ausdrücklich auf den Nutzer. Ab Dezember 2026 gelten Software und KI zudem ausdrücklich als Produkte im Sinne der EU-Produkthaftungsrichtlinie, was Schadensersatzansprüche für Betroffene erleichtert.

Welche Sicherheitslücken sind bei Vibe Coding am häufigsten?

Am häufigsten treten Injection-Schwachstellen, hartcodierte Zugangsdaten und fehlende Zugriffskontrollen auf. Weitere verbreitete Probleme sind fehlende Security Headers, fehlender Schutz gegen Cross-Site-Request-Forgery und Server-Side-Request-Forgery. Auch Slopsquatting, also von der KI erfundene und von Angreifern übernommene Softwarepakete, zählt zu den typischen Risiken von Vibe Coding.

Muss ein Unternehmen einen Hackerangriff auf eine Vibe-Coding-Anwendung melden?

Ja, denn in vielen Fällen besteht eine Meldepflicht. Werden personenbezogene Daten betroffen, gilt die 72-Stunden-Frist aus Artikel 33 DSGVO gegenüber der Aufsichtsbehörde. Fällt das Unternehmen unter den Cyber Resilience Act oder das NIS2-Umsetzungsgesetz, kommt eine zusätzliche Meldepflicht für Sicherheitsvorfälle innerhalb von 24 Stunden an die zuständige Behörde hinzu.

Wie schützen Unternehmen ihre Vibe-Coding-Projekte vor Hackerangriffen?

Wirksamen Schutz bieten Code-Reviews vor dem Livegang, automatisierte Sicherheitstests in der Entwicklungs-Pipeline und die Speicherung von Zugangsdaten ausschließlich in Umgebungsvariablen. Wichtig sind außerdem ein Penetrationstest vor dem Start und ein vorbereiteter Meldeprozess für den Ernstfall. Unternehmen sollten zudem vertraglich klären, welche Sicherheitsprüfungen ein beauftragter Dienstleister vor der Übergabe zusichert.

Rechtsberatung zu Vibe Coding und Cybersecurity durch Dr. Marc Maisch

Dr. Marc Maisch ist Fachanwalt für IT-Recht, Datenschutzbeauftragter und Berater für Cybercrime bei Maisch.law Rechtsanwälte. Er unterstützt Unternehmen bei der rechtlichen Bewertung von Sicherheitsvorfällen aus KI-generiertem Code, bei der Vertragsgestaltung mit Entwicklungsdienstleistern und bei der Erfüllung von Meldepflichten nach DSGVO, Cyber Resilience Act und NIS2-Umsetzungsgesetz. Er begleitet außerdem Unternehmen bei der Reaktion auf Hackerangriffe und bei der Aufarbeitung von Datenlecks aus Vibe-Coding-Projekten.

Haben Sie Fragen zur IT-Sicherheit Ihrer KI-generierten Anwendung oder zu einem konkreten Sicherheitsvorfall? Melden Sie sich gerne über die Website von Maisch.law bei Dr. Maisch und seinem Team.